Ein Prozent, das glücklich macht

Ein Prozent, das glücklich macht

Elektroautos brauchen Lithium – und die größte europäische Lagerstätte liegt in Kärnten: Wir machten mit dem Kia e-Niro einen Ausflug dorthin und waren positiv überrascht.

Die Idee kam von den Managern von "European Lithium", als wir den Termin für den Besuch auf der Koralpe vereinbarten: "Warum fahren Sie nicht mit einem Elektroauto zu uns nach Wolfsberg? Das würde doch perfekt passen!" Gut, dass es auch Elektroautos gibt, die mehr als jene 150 Kilometer Reichweite haben, die (mit Ausnahme von Tesla) noch vor zwei, drei Jahren als Maximum galten.

Schnell getankt, wo es geht
Einer davon ist der neue Kia e-Niro, den uns der Importeur für einen Tag zur Verfügung stellt. Montag, 7.30 Uhr, Sverigestraße in Wien-Donaustadt: "Reichweite 412 Kilometer" steht auf dem Display. Verantwortlich dafür ist die Batterie mit 64 Kilowattstunden. Gleich nach dem Start die erste Belastungsprobe, nämlich der übliche Stau auf der Südosttangente.

Doch das lässt den e-Niro kalt. Die Reichweite sinkt kaum und ab Inzersdorf geht es dann flott voran. Nach 208 Kilometern und normalem Autobahntempo der erste Tankstopp in Kaiserwald bei Graz, nur um sicher zu gehen, dass das E-Auto die Strecke auf die Koralpe, nach Wolfsberg und zurück auch wirklich schafft. Die Reichweite liegt noch bei 197 Kilometern. Smatrics bietet dort eine Schnellladestation (Chademo sowie CCS) mit je 50 kW. In 32 Minuten ist der e-Niro von 43 auf 80 Prozent aufgeladen, 27,22 kW sind in dieser Zeit durch die dicke Leitung geflossen. Bei Ionity direkt nebenan wärees noch schneller gegangen.

Erste Versuche schon 1985
Runter von der Autobahn,über Stainz und Deutschlandsberg geht es rauf auf die Weinebene. Perfekt, wie der e-Niro die Steigung schafft (und welche Kraft der Elektromotor mit 150 kW/204 PS zum Überholen bietet). Doch das wirkt sich auf den Verbrauch aus. Waren es bis Kaiserwald 15,8 kWh, so sind es oben auf der Koralpe 25,1.

Als Treffpunkt mit den Managern von European Lithium ist das Gasthaus Pfeifferstocker vereinbart. Sonst gibt es da oben nichts. Mit einem Jeep geht es dann hinauf zum Stollen auf rund 1.500 Meter. Die Jahreszahl "1985" prangt in schmiedeeisernen Lettern auf dem vergitterten Portal. 1985? Ja, damals wurde der Stollen angeschlagen. Rund 1,4 Kilometer wurden gegraben, mit Abzweigungen nach links und rechts. Rund 17.000 Meter an Bohrkernen lagern in einer Halle in Wolfsberg.

Sie zeigen, welcher Schatz in der Koralpe liegt. Denn 1985 war man zu früh dran mit dem Lithium. Es gab keine Elektroautos, kaum Laptops, nur die Glas-und Keramikindustrie benötigte den Rohstoff. Dafür wäre der Abbau zu teuer gekommen.

Und heute? Da wächst ein Batteriewerk nach dem anderen in Europa aus dem Boden, um den wachsenden Bedarf der Hersteller zu decken. Das Lithium stammt großteils aus Südamerika und Australien.

Ende 2021 soll es losgehen
Geht alles nach Plan, will European Lithium Ende 2021/Anfang 2022 mit den Lieferungen starten. Bevor wir den Stollen betreten, bekommt jeder Stiefel, Jacke, Helm und Taschenlampe. All das ist dringend nötig. Denn es tropft von der Decke, ein kleines Bächlein fließt am Boden. Nach wenigen Minuten zeigt Dietrich Wanke, der Geschäftsführer von European Lithium, auf ein helles Band, das sich durch das dunkle Gestein zieht: "Alle 25 Meter ist so eine 1,50 Meter breite Schicht. Da ist das Lithium drin." Der Deutsche hat 30 Jahre Erfahrung: Australien, Papua-Neuguinea, Indonesien, Sierra Leone. Nun ist er in Kärnten gelandet.

Er freut sichüber die Bedingungen, die er hier vorfindet: "Es wurden bereits mehrere hundert Tonnen abgebaut, alles wurde untersucht. Wir wissen auch, wie die Anlage später auszusehen hat." Denn Lithium kann nicht einfach so aus dem Berg geholt werden. "Der durchschnittliche Lithiumgehalt hier liegt nur bei einem Prozent", sagt Wanke.

70.000 Tonnen Konzentrat pro Jahr
Damit nicht sinnlos hunderttausende Tonnen gefördert werden, wird schon im Berg vorsortiert. European Lithium plant auch ein neues Portal, wo eine Flotationsanlage entstehen soll. Dort wird das Gestein, das aus dem Berg kommt, vorbereitet: "Nur sechs Prozent gehen dann in die metallurgische Behandlung." Das sind immerhin 70.000 Tonnen Konzentrat pro Jahr. Der Abstand zur Bergspitze beträgt rund 400 bis 500 Meter. "Wenn die weiteren Bohrungen ergeben, dass auch unten abbaubares Lithium liegt, gehen wir später auch tiefer." Etwa 400 Mann sollen im Berg, unmittelbar davor sowie in der hydrometallurgischen Weiterverarbeitung im Tal arbeiten. Denn aus dem Gestein muss ja irgendwie das Lithium-Hydroxid entstehen, das dann an die Batteriehersteller geliefert wird (und das hochwertiger ist als das Lithium-Karbonat, das in anderen Teilen der Welt produziert wird).

Wie viel Lithium liegt in Zone 2?
Die Rechnung von European Lithium: Werden jährlich 10.000 Tonnen Lithium-Hydroxid zu je circa 14.150 Euro verkauft, macht das in den ersten zehn Jahren Laufzeit der Mine rund 1,415 Milliarden Euro. Das könnte sich verdoppeln, wenn -wie erwartet - auch in der Zone 2 ähnliche Vorkommen entdeckt werden. Daneben sollen jährlich auch 136.000Tonnen Feldspat und 85.000 Tonnen Quarz, also die Nebenprodukte des Abbaus, verkauft werden.

Doch wie viel Lithium lagert eigentlich im Kärntner Berg? "Etwa der halbe Jahresbedarf eines deutschen Automobilbauers", sagt Wanke. Das heißt: Die Batterien von Autos wie dem Kia e-Niro werden also auch weiterhin großteils mit Lithium aus anderen Kontinenten befüllt werden. Übrigens: Er hat uns am Abend auch tadellos wieder nach Wien zurückgebracht, der kompakte Koreaner. Mit einem Netto-Preis ab 31.658 Euro ist der e-Niro für Firmen besonders interessant.