Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

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Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Laut aktuellen Studien sorgen allein 100 Unternehmen -zu denen sogar ein österreichisches zählt – für 71 Prozent der globalen Emissionen. Es bleibt also die Frage: Was nutzen in Anbetracht dessen verschärfte Abgasnormen oder der Umstieg auf alternative Antriebsformen, wenn's im Endeffekt nicht nur um die sprichwörtliche Kohle geht?

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Vielleicht einmal nicht das XXL-Schnitzel bestellen, sondern nur ein Gemüseleibchen. Das Auto ab und zu stehen lassen und mit dem Fahrrad nicht nur im Kofferraum in die Arbeit fahren. Keine Fernreisen im Sommerurlaub absolvieren, sondern vielleicht das Waldviertel besuchen. Horn statt Kap Horn. Und auch beim üblichen Wocheneinkauf auf Produkte setzen, die lokal produziert wurden. All das lässt die Welt aufatmen. Jeder Schritt, und ist er noch so klein, zählt und gemeinsam werden wir somit das Klima retten, oder?

Spätestens jetzt hätte Kurt Sowinetz sein legendäres "Ruhe!" angewendet, um uns endlich einmal zu sagen, wie es denn wirklich ist. So gut das Umstellen des eigenen Lebensstils für den persönlichen Seelenfrieden auch sein mag, laut aktuellsten Studien kann mit all dem praktisch nichts bewegt werden. Mehr als 70 Prozent der weltweiten Emissionen seit 1988 kommen nämlich allein von 100 Unternehmen, darunter übrigens kein einziger Autohersteller, keine Fluglinie oder Lkw-Produzent. Vielmehr geht es um Produkte, die wirklich alle auf dieser Welt benötigen. Und genau deswegen wird es auch nicht so leicht werden, etwas dagegen zu unternehmen, denn die Mehrheit dieser Firmen sind in staatlicher Hand und dienen der Stromerzeugung.

Wer zählt
Konkret handelt es sich bei diesem Carbon Majors Report um eine Auflistung des CDP, auch bekannt als Carbon Disclosure Project, einem Institut, das ursprünglich einmal Investoren eine Übersicht darüber geben wollte, wie grün – und damit wie zukunftssicher – die Firmen sind, in die investiert werden soll. Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Bericht ist vor allem, dass man erstmals den CO2-Ausstoß nicht nach Ländern, sondern eben nach Firmen unterteilen kann. Als Startpunkt für diese Erhebungen wurde deswegen das Jahr 1988 herangezogen, da damals das IPCC, das Intergovernmental Panel on Climate Change, gegründet wurde, das sich seither um die Erfassung des Einflusses der Menschheit auf die Erderwärmung kümmert und entsprechende Empfehlungen ausgibt. Das IPCC wiederum geht auf einen Bericht von NASA-Mitarbeiter James Hansen zurück, der eben 1988 erstmals dem US-Kongress mit Zahlen und Fakten bescheinigte, dass es keinen Zweifel mehr an der Erderwärmung gibt. 2013 wurden vom Climate Accountability Institute (CAI) erstmals handfeste Daten aus den bisher gesammelten Zahlen erhoben, die wiederum vom CDP übernommen und seither gepflegt werden.

Um wen es geht
Faszinierend ist jedenfalls, wie sich diese 100 Unternehmen so zusammensetzen. Wir können vorwegnehmen: Es ist relativ eintönig. Fast ausschließlich handelt es sich hierbei um die fossile Industrie; Unternehmungen des Kohleabbaus und anschließender Verfeuerung, dicht gefolgt von Erdöl-und Erdgasförderern. Diese finden sich vor allem in China, Saudi-Arabien, Russland, dem Iran und den USA. 41 der 100 größten CO2-Bomber sind übrigens börsennotierte Unternehmen, 16 davon in reinem Privatbesitz und 43 in staatlichem Eigentum. Hier zeigt sich übrigens ein leichtes Ost-West-Gefälle, denn während die betroffenen US- und Europa-Firmen wie Exxon, Chevron oder Total Investoren gehören, sind sie sowohl in China (Shenhua, Datong Coal Mine, China National Coal) als auch in Russland oder dem nahen Osten (Gazprom, Saudi Aramco, National Iranian Oil, Coal India, Permex) fix in Länderhand. Wer ein wenig tiefer in den Zahlen wühlt, kommt sogar drauf, dass die Hälfte der Industrieabgase von nur 25 Firmen produziert wird. Weiter hinten in den Top 100 geht es dann entsprechend rasant abwärts mit dem jeweiligen Anteil. So liegt die OMV mit fast nicht mehr erwähnenswerten 0,06 Prozent nur mehr auf Rang 94.

Was gezählt wird 
So verwirrend die Vielzahl an Instituten, so brutal die nackten Zahlen: Allein von 1988 bis 2016 produzierten die Kohle- und Erdölförderer so viel Treibhausgase wie in den 237 Jahren vom Beginn der industriellen Revolution bis 1988. Oder dass allein BP und Shell für zwei Drittel aller Treibhausgas-Emissionen des gesamten Industriezeitalters verantwortlich sein sollen. Oder um das Ganze etwas zu verdeutlichen: ExxonMobil, das aus John D. Rockefellers Standard Oil hervor ging, produzierte seit 1882 20,3 Milliarden Tonnen CO2, 199 Milliarden Tonnen Methan und ist damit für rund fünf Prozent von menschenhand produzierten Treibhausgasen verantwortlich.

Natürlich hat eine so drastische Studie auch ihre Kritiker. Es bleibt schließlich die Frage, wie sehr man Firmen Produkte ankreiden kann, die praktisch ein jeder zum Heizen, Fortbewegen oder Kochen verwendet. Dazu noch zu einer Zeit, wo es weder Alternativen gab und kein Gedanke an Umweltschutz verschwendet wurde. "Es ist sehr einfach Firmen für Produkte zu kritisieren, die wir alle verlangt und von denen wir auch mehr als ein Jahrhundert lang profitiert haben”, meint zum Beispiel Severin Borenstein von der University of California (UC) dazu. Und David Victor, Wissenschaftler an der UC San Diego und Co-Autor des IPCC-Reports von 2015 zweifelt zwar nicht die Richtigkeit der Zahlen an, sehr wohl aber deren Bedeutung: „Sie sind Teil einer größeren Geschichte, die versucht, Sündenböcke zu kreieren; eine Linie zu ziehen zwischen Produzenten, die für das Problem verantwortlich sind und allen andern, die nur die Opfer sind. Wir sind alle Nutzer und damit mitverantwortlich, und als Problemlösung Sündenböcke in der Industrie zu formen wird gar nichts lösen.“

Leben und lernen
Es bleibt also die Frage offen, was wir von diesen Zahlen haben? Bevor jemand jetzt frustriert wieder zum XXL-Schnitzel greift, weil ja sowieso schon alles verloren ist – natürlich zählt jeder Schritt von jedem von uns. Der IPCC-Report zeigt aber, dass die Energiewende mit Abstand das wichtigste Projekt der nächsten Jahre sein muss – und der reine Umstieg auf die E-Mobilität genau gar nichts bewirkt – im Gegenteil. Denn mit steigender Zahl von Stromern auf der Straße steigt der Strombedarf massiv an. Und genau um diesen zu produzieren, wird eben von Jahr zu Jahr mehr und mehr Kohle abgebaut und verbrannt. Die paar Wasserkraftwerke in Österreich fallen da weltweit wirklich nicht ins Gewicht, und nicht nur das. Man darf diese Fakten nicht isoliert auf die Mobilität betrachtet sehen. Strom ist an oberster Stelle in unserer Lebenspyramide. Fehlen die Ampere, steht der Laden. Bankwesen, Streaming-Dienste, Handyakkus – es geht dann wirklich nichts mehr, einen Blackout sollte also tunlichst vermeiden werden, außer man mag die Steinzeit.

Immerhin aber schaffen diese Auswertungen Anreize in der Industrie, umzudenken, ohne dass die Staaten ihre Keulen schwingen. Sie bewirken in der Hochfinanz nämlich ein Bewusstsein dafür, ob Firmen, deren Zahlen auch noch so toll sein mögen, denn wirklich ein schlaues Investment darstellen, wenn sie überhaupt keine grüne Ader haben. Das könnte sich schnell rächen, und wenn eine AG hier ein schlechtes Image und einen Aktienverfall verhindern möchte, muss sie zwangsläufig Maßnahmen setzen, weniger Treibhausgase zu produzieren. Paul Stevens vom Think Tank Chatham House aus London hat etwa errechnet, dass Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell nicht radikal ändern, in den nächsten Jahren zusperren können, sollten sie für Investoren aufgrund der CO2-Produktion immer unattraktiver werden. Auswirkungen sind bereits jetzt bemerkbar: Der größte Pensionsfonds von Schweden veräußerte sämtliche Aktien derartiger CO2-Riesen und hat sogar eine Liste zu Firmen mit fragwürdigen Geschäftspraktiken vorgelegt. Investment Fonds und Institutionen folgen dem schwedischen Vorbild, und dennoch spricht Geld nur eine Sprache: die des Gewinns. So wird nach wie vor doppelt so viel Geld in Erdöl- und Gasunternehmen investiert als in jene, die Erneuerbare Energien erzeugen. So lange das schwarze Gold sprudelt, sprudelt es auch in den Kassen. 

Schwierige Umsetzung
Einfluss auf Investments als Klimaplan klingt natürlich super, aber das ist alles nur zum Teil argumentierbar. Schließlich gehören die größten Player ja wenigen Staaten, ja und hier könnte es dann wirklich tricky werden. Das Pariser Klimaabkommen gibt zwar hübsche Ziele vor. Um die aber zu erreichen, müsste Deutschland – immerhin sechstgrößter Treibhausgasemittent weltweit – bis 2035 die Stromerzeugung komplett auf erneuerbare Varianten umstellen und Braun- sowie Steinkohle komplett absetzen, wie das Öko-Institut in einer Aussendung vorrechnete. EU-weit sollten sogar bereits 2030 alle cholerischen Kraftwerke ausgemustert werden, meint die EU-Kommission, und spätestens da wird es schon haariger. Länder wie Polen oder Tschechien, die ihren Strom fast ausschließlich aus Kohle als Rohstoff beziehen und deren Betreiberfirmen in den Top 100 entsprechend weit oben vertreten sind, machen derzeit nämlich noch wenig Anstalten, da etwas zu ändern. Gleichwohl darf man ihnen den kohleschwarzen Peter jetzt auch nicht zuschieben. Französische Energieanbieter mögen in dem IPCC-Ranking zwar nicht auftauchen. Deren hoher Atomstrom-Anteil gilt aber jetzt auch nicht als strahlendes Vorbild – oder sagen wir: zum Glück.

Die 100 Konzerne mit dem größten CO2-Ausstoß Quelle: www.kontrast.at

1. China (Coal) 14,32 % +++ 2. Saudi Arabian Oil Company (Aramco) 4,50 % +++ 3. Gazprom OAO 3,91 % +++ 4. National Iranian Oil Co 2,28 % +++ 5. ExxonMobil Corp 1,98 % +++ 6. Coal India 1,87 % +++ 7. Petroleos Mexicanos (Pemex) 1,87 % +++ 8. Russia (Coal) 1,86 % +++ 9. Royal Dutch Shell PLC 1,67 % +++ 10. China National Petroleum Corp (CNPC) 1,56 % +++ 11. BP PLC 1,53 % +++ 12. Chevron Corp 1,31 % +++ 13. Petroleos de Venezue +++ 14. Abu Dhabi National Oil Co 1,20 % +++ 15. Poland Coal 1,16 % +++ 16. Peabody Energy Corp 1,15 % +++ 17. Sonatrach SPA 1,00 % +++ 18. Kuwait Petroleum Corp 1,00 % +++ 19. Total SA 0,95 % +++ 20. BHP Billiton Ltd 0,91 % +++ 21. ConocoPhillips 0,91 % +++ 22. Petroleo Brasileiro SA (Petronas) 0,69 % +++ 23. Lukoil OAO 0,75 % +++ 24. Rio Tinto 0,75 % +++ 25. Nigerian National Petroleum Corp 0,72 % +++ 26. Petroliam Nasional Berhad (Petronas) 0,69 % +++ 27. Rosneft OAO 0,65 % +++ 28. Arch Coal Inc 0,63 % +++ 29. Iraq National Oil Co 0,60 % +++ 30. Eni SPA 0,59 % +++ 31. Anglo American 0,59 % +++ 32. Surgutneftegas OAO 0,57 % +++ 33. Alpha Natural Resources Inc 0,54 % +++ 34. Qatar Petroleum Corp 0,54 % +++ 35. PT Pertamina 0,54 % +++ 36. Kazakhstan Coal 0,53 % +++ 37. Statoil ASA 0,52 % +++ 38. National Oil Corporation of Libya 0,50 % +++ 39. Consol Energy Inc 0,50 % +++ 40. Ukraine Coal 0,49 % +++ 41. RWE AG 0,47 % +++ 42. Oil&Natural Gas Corp Ltd 0,40 % +++ 43. Glencore PLC 0,38 % Corp 0,31 % +++ 44. TurkmenGaz 0,36 % +++ 45. Sasol Ltd 0,35 % +++ 46. Repsol SA 0,33 % +++ 47. Anadarko Petroleum Corp 0,33 % +++ 48. Egyptian General Petroleum C ExxonMobil Corp 1,98 % +++ 49. Petroleum Development Oman LLC 0,31 % +++ 50. Czech Republic Coal 0,30 % ++ + 51. China Petrochemical Corp (Sinopec) 0,29 % +++ 52. China National Offshore Oil Corp Ltd (CNOOC) 0,28 % +++ 53. Ecopetrol SA 0,27 % +++ 54. Singareni Collieries Company 0,27% +++ 55. Occidental Petroleum Corp 0,26 % +++ 56. Sonangol EP 0,26 % +++ 57. Tatneft OAO 0,23 % +++ 58. North Korea Coal 0,23 % +++ 59. Bumi Resources 0,23 % +++ 60. Suncor Energy Inc 0,22 % +++ 61. Petoro AS 0,21 % +++ 62. Devon Energy Corp 0,20 % +++ 63. Natural Resource Partners LP 0,19 % +++ 64. Marathon Oil Corp 0,19 % +++ 65. Vistra Energy 0,19 % +++ 66. Encana Corp 0,18 % +++ 67. Canadian Natural Resources Ltd 0,17 % +++ 68. Hess Corp 0,16 % +++ 69. Exxaro Resources Ltd 0,16 % +++ 70. YPF SA 0,15 % +++ 71. Apache Corp 0,15 % +++ 72. Murray Coal 0,15 % +++ 73. Alliance Resource Partners LP 0,15 % +++ 74. Syrian Petroleum Co 0,15 % +++ 75. Novatek OAO 0,14 % +++ 76. NACCO Industries Inc 0,13 % +++ 77. KazMunayGas 0,13 % +++ 78. Adaro Energy PT 0,13 % +++ 79. Petroleos del Ecuador 0,12 % +++ 80. Inpex Corp 0,12 % +++ 81. Kiewit Mining Group 0,12 % +++ 82. AP Moller (Maersk) 0,11 % +++ 83. Banpu Public Co Ltd 0,11 % +++ 84. EOG Resources Inc 0,11 % +++ 85. Husky Energy Inc 0,11 % +++ 86. Kideco Jaya Agung PT 0,10 % +++ 87. Bahrain Petroleum Co (BAPCO) 0,10 % +++ 88. Westmoreland Coal Co 0,10 % +++ 89. Cloud Peak Energy Inc 0,10 % +++ 90. Chesapeake Energy Corp 0,10 % +++ 91. Drummond Co 0,09 % +++ 92. Teck Resources Ltd 0,09 % +++ 93. Turkmennebit 0,07 % +++ 94. OMV AG 0,06 % +++ 95. Noble Energy Inc 0,06 % +++ 96. Murphy Oil Corp 0,06 % +++ 97. Berau Coal Energy Tbk PT 0,06 % +++ 98. Bukit Asam (Persero) Tbk PT 0,05 % +++ 99. Indika Energy Tbk PT 0,04 % +++ 100. Southwestern Energy Co 0,04 %

Unterstützung statt Bestrafung

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Für die Wirtschaftskammer Oberösterreich gefährdet die neue CO2-Besteuerung die heimische Verkehrswirtschaft. Wichtiger wäre es, Klimaneutralität mit Abgaben-Zweckbindung schneller voranbringen. Zudem fehle der Klimabonus für den Wirtschaftsverkehr im Reformkonzept, und außerdem werden sich die Ausgaben des täglichen Lebens deutlich erhöhen.

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