Wenn nichts mehr geht

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Wenn nichts mehr geht

Geht es nach Experten, sind die Auswirkungen der Ukraine-Krise noch lang nicht völlig absehbar. Woran es derzeit am meisten krankt. Und wie man am besten aus dieser Situation kommt.

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Vor ziemlich genau einem Jahr berichtete die FLOTTE über die Ausmaße der Halbleiterkrise und in welchen Dimensionen diese den Automarkt betrifft. Es waren unvorstellbare Details, die niemand gewohnt war. Dass man Autos nicht einfach so bestellen kann. Dass unfertige Fahrzeuge in den Werken herumlungern und auf Finalisierung warten. Und dass eine Besserung so bald wohl nicht in Sicht sein würde. Zumindest mit letzter These sollten wir leider Recht behalten. Aber dass es so hart kommt, damit war wohl nicht zu rechnen, da es an vielen Stellen krankt.

Handwerte
Die "spezielle Militäroperation" von Russland in der Ukraine ist jetzt zwar in Gegenden tätig, wo kein Autozulieferer seine Werke betreibt. Die Problematik der Lieferketten hat jetzt aber erst langsam wieder die ersten Schritte zurück in die neue Normalität geschafft. Seit gut einem Monat können die Werke wieder produzieren, da die Achillesverse des modernen Fahrzeugbaus doch wieder produziert werden kann: der Kabelbaum.

Um zu verstehen, warum gerade die Kabelei so entscheidend ist, muss man zuerst einmal die Dimensionen kapieren: Derzeit lassen 22 internationale Firmen in 38 Fabriken allein in der Ukraine Kabelbäume für zahlreiche Fahrzeughersteller produzieren. Zudem steckt gerade diese Zweigbranche nach dem Überfall Russlands also vor einem riesigen Problem, das während der Krise erstmals sichtbar wurde. Zwar wurde schnell nach Ausweichstandorten gefahndet, was aufgrund des Herstellungsprozesses aber nicht so einfach war. Denn praktisch alle Länder, in denen das geringe Gehaltsniveau einen derart hohen Handarbeitsteil noch zulässt, sind bereits mit der Produktion dieser Bauteile vertraut, die notwendigen Fachkräfte also meist schon fix unter Vertrag. Neue anzulernen, wäre einlangwieriger Prozess gewesen, zudem gelten Länder wie Rumänien bereits als zu teuer, weswegen alle zwangsläufig wieder auf die Ukraine blicken. Dazu kommt aber noch ein anderes Detail, weswegen die Causa Kabel die Produktion neuer Fahrzeuge ruckartig völlig zum Erliegen bringen kann.

Kabelbäume gehören nämlich zu den Bauteilen, die ganz zu Beginn benötigt werden, wenn ein Auto gebaut wird. Sie sind so ziemlich das erste, was nach dem Lackieren der Rohkarosse verbaut wird, also noch vor allen Teppichen, Isolierungen und so weiter. Fehlen sie, steht die gesamte Produktion still, denn sie können nicht nachgerüstet werden. Im Gegensatz zu Microchips, da die Steuergeräte meist so positioniert wurden, dass sie stets relativ problemlos erreichbar sind.

Ja und aufgrund dessen war die Liste der Produktionsausfälle Anfang März schon beängstigend lang. Bei der VW-Gruppe waren von Golf bis Touran einige Modelle betroffen, ebenso bei Audi oder Seat. BMW kämpfte genauso, musste neben dem Werk in Dingolfing auch die Zentrale in München dicht machen, Fahrzeuge der 3er-,4er-, 5er-, 6er-, 7er-und 8er-Reihe also aussetzen. Mini in Oxford rutschte ebenso in die Misere, genauso übrigens wie das Motorenwerk von BMW in Steyr. Mercedes ist derzeit nur bei den Modellen S und EQS betroffen und freut sich sogar ein wenig, weil man nun endlich die elendslangen Bestelllisten der G-Klasse ein wenig abarbeiten kann. Und manch Anbieter strich einige Fahrzeuge sogar vorübergehend aus dem Programm, verhängte also einen brutalen Bestellstopp.

Generell ist es jedenfalls so, dass vor allem die großen Player ihre Werke in der Ukraine bereits Ende März wieder hochfahren konnten (allein der Marktführer beschäftigt in zwei Fabriken an die 7.000 Mitarbeiter), und es empfiehlt sich auf jeden Fall, zum Händler des Vertrauens zu gehen, um sich zu informieren, welche Fahrzeuge in welcher Konfiguration lieferbar oder sogar auf Lager sind. Dennoch bleibt die Frage: Ab wann kann endlich wieder normal geliefert werden?

Dicht vernetzt
Streng genommen weiß das keiner, denn: Das Nervensystem des Autos ist nicht das Einzige, was derzeit kaum zu bekommen ist. Da wäre dann noch das Edelgas Neon, an dem sich noch besser das grundsätzliche Dilemma der internationalen Just-in-time-Lieferketten am dramatischsten darstellen lässt. Die chemische Verbindung aus Hexafluorcyclobuten und Palladium ist ein wesentlicher Faktor bei der Herstellung von Halbleiterchips, wobei die größten Exporteure davon Ukraine und Russland sind. Derzeit ist dieser Markt natürlich völlig zusammengebrochen, zum einen wegen der wirtschaftlichen Sanktionen, zum anderen wegen der Kriegshandlungen. Aber selbst wenn Frieden einkehren sollte, werden die Preise definitiv steigen und die erforderlichen Mengen kaum mehr zu stemmen sein.

Denn: Die zwei Länder Russland und Ukraine sind, was diese Industrien betrifft, sehr eng miteinander verbandelt gewesen. Die erforderlichen Gase sind Nebenprodukte russischer Stahlproduktion. Von dort werden sie als Rohstoff an ukrainische Firmen verkauft, die ihrerseits dann diese Rohgase filtern und Neon extrahieren. Das heißt: Sollte in der Ukraine also wieder Normalität einkehren, heißt das noch nicht, dass aus dem riesigen Nachbarland noch Rohstoffe zu beziehen sind.

Und überhaupt, Russland als riesiges Reservoir wertvoller Rohstoffe spielt zudem in einem anderen Markt eine wichtige Rolle: jener für Traktionsbatterien. Allein das größte hiesige Unternehmen fördert laut JP Morgan nicht nur rund 40 Prozent des weltweit abgebauten Palladiums, sondern kümmert sich auch noch um elf Prozent der Nickelproduktion. Bei Kobalt lag die Exportquote zwar nur bei vier Prozent, aber dennoch: Die steigende Nachfrage nach E-Autos lässt jede Verknappung relevanter Materialien sofort im Preis spürbar machen. Wenn nicht sogar politische Spielchen damit betrieben werden.

Hie wie da
Jetzt könnte man natürlich sagen, dass man mit einer derart heftigen Krise nie und nimmer rechnen konnte. Die Geschichte lehrt uns aber, dass die Menschheit zum einen nichts aus der Geschichte lernt. Zum anderen, dass die Vorzeichen für derartige Notstände schon durchaus da waren. 2014 zum Beispiel, als die zur Ukraine gehörende Krim von Russland annektiert wurde, stiegen die Preise für Neon um 600 Prozent an. Das war insofern besonders prekär, weil damals noch 70 Prozent dieses Gases aus diesem Land kamen.

Japan hat schnell reagiert und bezieht nach eigenen Angaben nur mehr fünf Prozent des Neon-Bedarfs aus der Ukraine. Bei den USA sollen es deutlich mehr sein und sollte es tatsächlich zu langfristigen geopolitischen Konflikten kommen, dürfte die Halbleiterproblematik noch etwas länger anhalten, wenn nicht sogar sich weiter zuspitzen. Und da nutzen dann die schönsten Kabelbäume nichts. Denn was man bei all dem vergisst: Die Pandemie ist in weiten Teilen der Welt noch nicht ausgestanden. Und selbst wenn asiatische Hersteller von der Ukraine-Krise nicht betroffen sind, die strengen Lockdowns in China führen nun dort zu zahlreichen Produktionsausfällen, was japanische Hersteller wieder in Lieferschwierigkeiten bringt.


Wie man trotzdem mobil bleibt
Steht eine Neuanschaffung an, kann es derzeit bis zu 18 Monate Lieferzeit geben. Mit diesen Maßnahmen kann man diese deutlich verkürzen – oder zumindest gut überbrücken.

- Gleich zu Marken und Modellen greifen, die nur geringe Lieferzeiten aufweisen.
- So früh wie möglich bestellen, nicht lang warten. 
- Muss es ein Neuwagen sein? Oft reicht auch ein Jahres-oder Gebrauchtwagen.
- Bestehende Verträge verlängern – besonders interessant bei Fahrzeugen, die nach zwei Jahren Pandemie und Homeoffice noch ausreichend Laufleistung aufweisen 
- Langzeit-Mieten gleich als Maßnahme verwenden, z. B. ein E-Mobil auszuprobieren. Einige Importeure bieten sogenannte Bridge-Angebote an; speziell für diese Überbrückungen.

 

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