Palmers: Botenstoffe des Wandels

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Palmers: Botenstoffe des Wandels

Bei Palmers ist die erste Phase der Elektrifizierung des Fuhrparks gerade in vollem Gang. Welche Erfahrungen man schon sammeln konnte. Und warum alte Infrastruktur für moderne Technik sogar von Vorteil sein kann.

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Unverhofft kommt öfter, als man denkt. „Und auf einmal stand da ein rotes Auto“, erzählt Martin Hauser über ein Kauferlebnis der etwas anderen Art. „Ich habe mit meiner Freundin noch die letzten Silvester-Einkäufe erledigt, bin in der SCS am Gang gestanden und auf dem Fahrzeug stand geschrieben, dass BYD gerade hier ums Eck den Flagship Store eröffnet hat“, was sich gut traf, denn für den Fuhrparkleiter von Palmers gab es für die Neuverhandlung der Leasingverträge dieses Mal eine interessante Zusatzaufgabe: die Elektromobilität mit ins Spiel bringen.

Vorrangig finanziell
Grundsätzlich ist bei der Palmers Textil AG der Fuhrpark im HR-Bereich eingegliedert und besteht aus rund 35 Fahrzeugen. Martin Hauser, seit 25 Jahren im Haus und eigentlich für die IT zuständig, unterstützt technisch und organisatorisch hierbei die Fuhrparkleitung. Die letzten Jahre ist man bei Mercedes, aber nicht aus Tradition, wie man es bei einem so alten Unternehmen wie Palmers vermuten könnte. „Wir waren auch schon mal bei Alfa und alle vier Jahre gibt es eine neue Ausschreibung, bei der alle wieder die Möglichkeit haben, mitzuspielen“, erklärt Hauser die pragmatische Vorgehensweise. „Vorrangig ist es natürlich ein finanzielles Thema, weil die Autos, die wir ausgeben, hat fast jeder Konzern im Angebot.“ Wie sieht es mit Nutzfahrzeugen aus? „Da haben wir gar nicht so viele, nur eins“, erklärt Hauser, denn der Grund ist simpel. Vor Jahren schon wurde die gesamte Logistik an einen externen Dienstleister outgesourced, der Versand läuft komplett über DPD. Nach der Neuübernahme gab es zwar noch das Zentrallager am Standort. Die Zeiten der Produktion sind aber schon lang Geschichte. „Wir haben daher nur einen Sprinter, der hier lokal Lieferungen erledigt. Aber eher Möbel oder ähnliche Einrichtungsgegenstände, nicht so sehr die Ware an sich.“ Gerade dieser Kastenwagen wäre natürlich prädestiniert, um ihn gegen ein Modell mit reinem E-Antrieb auszutauschen. „Auch das haben wir schon angedacht. Die Frage ist nur wann“, ergänzt Hauser, denn derzeit befinde man sich auf diesem Gebiet noch in der Startphase, die ihren Lauf an besagtem Silvestertag in der SCS nahm. „Der Auftrag kam von der Geschäftsführung, dass wir uns mit diesem Thema befassen sollen“, und so war es mehr als eine glückliche Fügung, dass just an diesem 31. Dezember BYD ihr Geschäft öffnete. „Aufgrund der örtlichen Nähe haben wir uns gut ausgetauscht, aber es war ein langer und zäher Verhandlungsprozess, vor allem mit unseren Finanzierungspartnern“, erzählt Hauser von der Problematik, mit einer neuen Marke zu hantieren, die noch niemand so wirklich am Schirm hatte. „Wir haben mit den Herstellern gesprochen, wie viel Rabatt es gibt. Entscheidend ist der Restwert, da haben etablierte Marken natürlich Vorteile.“ Und mehr noch: Bei der Ermittlung der Leasingrate können bei einem Newcomer nur vorsichtige Schätzwerte herangezogen werden. „Rabatte gibt es auch nur wenig im E-Bereich, das hat uns sehr überrascht und hart getroffen. Aber nach vielen Gesprächen hat es dann eine Lösung gegeben. Und das Standing von BYD ist mittlerweile auch schon viel besser.“

Nächster Step
So laufen nun schon seit einigen Monaten einige ATTO 3, Han für Vorstände und sogar ein Tang erfolgreich in der Palmersflotte. Ob es schwer war, die Mitarbeiter zu überzeugen? Hauser: „Ja, das ist immer so. Ich habe kaum welche gehabt, die von sich aus gekommen sind und unbedingt ein E-Auto wollten. Aber es war eine Eigentümerentscheidung, also fangen wir einmal an und schauen, wie es läuft.“ Der Wegfall des Sachbezugs überzeugte schon die ersten Arbeitnehmer, „wenn man dann vor Ort noch laden kann, hat man schon die nächsten im Boot. Und wenn man dann noch die Möglichkeit gibt, ihm das Auto zum Probieren hinzustellen, hat man auch schon die nächsten.“ Die geografische Nähe war auch der Grund, das komplette Reifenthema an BestDrive – ebenfalls in der SCS – zu übergeben und Mercedes einer zweiten Leasingperiode zu vertrauen. „Unser Partnerbetrieb Merbag in Brunn ist quasi ums Eck, das heißt also auch, dass die Meetings nicht anonym sind, da wir unsere Partner hierher einladen. Das ist für uns sehr wichtig.“ Wobei Hauser großen Wert darauf legt, dass BYD nur eine Ergänzung ist, Mercedes aber nicht ablösen soll. „Wir pflegen mit allen Partnern ein gutes Verhältnis. Wir wollen uns aber nicht einschränken, ersetzen aber auch nicht das eine durch das andere. Beide haben ihre Qualitäten und ihre Aufgabengebiete bei uns.“ Nachdem derzeit ein Drittel des Fuhrparks bereits elektrisch ist, kann man vom Abschluss der ersten Phase wohl sprechen. „Wir glauben schon daran, dass die Zukunft elektrisch ist. Die Frage ist aber, wie schnell. Wir konnten uns schnell auf diesen Prozentsatz einigen, ob wir da jetzt mehr machen, hängt davon ab, wie das Anwendungsgebiet ist.“ Bleibt natürlich die Frage, wie der nächste Schritt aussehen wird? Als nächster Step wären nun die Außendienstmitarbeiter an der Reihe, die von Filiale zu Filiale, alles in allem also sehr viele, sehr kurze Strecken fahren. „Dennoch wollen wir uns langsam herantasten. Schauen, ob es praktikabel ist, ob es schon praktikabel ist, das ist ein Lernprozess.“

Entspannte Spezialsituation
Ob die Außendienstmitarbeiter denn eine Wahl haben? „Wir reden natürlich mit den Mitarbeitern“, erzählt Hauser, „und wir wägen die jeweiligen Situationen schon ab, schauen aber, den E-Anteil hochzuhalten. Aber dort, wo es beruflich notwendig ist, setzen wir weiterhin auf Verbrennermotoren.“ Anders natürlich, wenn man zum Beispiel nur in Wien unterwegs ist, da käme man zum Beispiel mit einem Dolphin problemlos über die Runden. Ansonsten ist die Direktive für Hauser klar: „Bevor wir nicht die notwendigen Erfahrungswerte haben, geben wir solche Autos nicht an jene, die 500 Kilometer und mehr fahren müssen.“ Für das Laden unterwegs agiert man bei Palmers derzeit mit zwei Ladekartenanbietern, je nachdem, ob schnell oder normal gezapft werden soll. Und überhaupt, das Laden vor Ort ist ein ganz besonderer Glücksfall. „Die erste Reihe mit derzeit sechs Stationen ist schon in Betrieb und wir planen, in absehbarer Zukunft auf zwei weitere aufzustocken.“ Dass viele schon seit Monaten keine Tankstelle mehr ansteuern mussten, ist natürlich ein großer Komfortgewinn, wobei dieses Thema ein ganz spezielles Kapitel ist.

Vorgesorgt
Das anfängliche Goodie von BYD, Wallboxen für Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen, um daheim laden zu können, verfolgt man derzeit nicht mehr weiter. „Einfach, weil diese nicht für eine Abrechnung geeignet sind. Daher haben wir einen Pauschalbetrag angesetzt, um daheim laden zu können, aber die Direktive ist klar, dass die Mitarbeiter in erster Linie am Firmenstandort laden sollen. Aber wir haben hier eine Spezialsituation, da wir ein Umspannwerk auf dem Gelände haben“, erzählt Hauser über die Vorzüge des Areals. Der Grund für diese großzügige Auslegung liegt am Werdegang des Gebäudes. Ursprünglich von Eumig als Produktionsstätte für Kameras genutzt, wurden nach dem zweiten Weltkrieg Kämme fabriziert, ehe Palmers einzog. Nach einem Großbrand 1992 und dem Auslaufen des Mietvertrags zog die Textil-Sparte 2015 aus. Zu Covid-Zeiten gab es dann die Chance, das Gelände zu erwerben, und nach einer Grundsanierung ist man nun wieder Herr im eigenen Haus – und des eigenen Umspannwerks. Hauser: „Die Hälfte des Hauses möchten wir jetzt noch vermieten, und dank der zwei Parkplätze gibt es nicht nur genügend Stellfläche. Auch für Lademöglichkeiten für die Mieter wäre schon gesorgt.“